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Stress macht glücklich!

Zugegeben: Dieser Titel ist eine Provokation. Wie bitte schön könnte Stress glücklich machen?

Stress ist doch pfui, bäh, etwas, das man unter allen Umständen vermeiden möchte. Aber man muss das Thema differenziert betrachten. Der Vater der modernen Stressforschung, der österreichische Wissenschaftler Hans Selye, prägte den Satz: „Die Abwesenheit von Stress ist Tod. Nur Tote haben keinen Stress.“ Damit wollte er sagen: Stress ist eigentlich ein Lebensmittel.

Stress ist unzertrennlich mit der Angst verbunden. Der gern zitierte Steinzeitmensch auf der Flucht vor dem Säbelzahntiger brauchte Stress als Abwehrreaktion des Körpers auf die Gefahr. Die Amygdala, ein Teil des limbischen Systems im Gehirn, fungiert als Scanner für Gefahren. Ist die Gefahr erkannt, werden Botenstoffe ausgeschüttet, vor allem Cortisol. Ein Stresskick – und schon war der Steinzeitmensch auf dem nächsten Baum. Schneller als ohne das hormonelle Schubmittel.

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Ist die Gefahr überwunden, schaltet das Gehirn auf Belohnung um: Endorphine fluten den Körper und man fühlt sich richtig gut. Dieser Mechanismus funktioniert auch heute noch. Das ist der Grund, warum wir uns gern – in kontrollierter Umgebung – der Angst aussetzen, etwa auf dem Rummelplatz, beim Bungeesprung oder im Kino. Wir suchen Herausforderungen im Job oder beim Sport. Haben wir das scheinbar Unmögliche geschafft, sind wir ruhiger, ausgeglichener, entspannter, zufriedener. Stress kann also glücklich machen. Eine sehr erhellende Lektüre verspricht der Blick in die Zusammenfassung von Stress – ein Lebensmittel von Urs Willmann, der als Wissenschaftsredakteur der Zeit seit Jahren über das Thema Stress schreibt.

Schädlich ist vor allem Dauerstress. Jede Stressreaktion verbraucht Energie. Wird diese Anpassungsenergie infolge von Dauerstress verbraucht, macht uns das krank. Das kann sogar so weit gehen, dass unser Gehirn, ausgelaugt vom Dauerbeschuss, auf ein Notprogramm umschaltet. Dann sehen wir die Welt nur noch mit einem Tunnelblick: Stress macht dann sogar dumm. Die Optionen „Flucht“ oder „Angriff“ wie bei unseren prähistorischen Vorgängern gibt es im modernen Leben selten. Wohin also entlädt sich die innere Spannung? In typische Stresssymptome: verspannter Nacken, Reizbarkeit, Schlaflosigkeit, nächtliches Zähneknirschen. Häufig wird dafür der Job verantwortlich gemacht. Es heißt: Wir benötigen eine bessere Work-Life-Balance. Das führt jedoch oft am Thema vorbei, meint Helen Heinemann vom Institut für Burn-out-Prävention in Hamburg.

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In ihrem Buch Warum Stress glücklich macht erklärt sie, dass die Idee der Work-Life-Balance das Problem nicht gelöst, sondern verschärft habe. Diejenigen, die hohe Anforderungen im Job erfüllen müssen, versuchen, im Sinne der Balance, nun in ihrer Freizeit besonders viel für ihren Ausgleich zu tun. Sozusagen „Entstressen im Akkord“. Das führt nicht zu weniger, sondern zu mehr Stress. In Wahrheit führe aber Arbeit gar nicht zu negativem Stress, so Heinemann. Arbeit ist Teil des Lebens und kann außerordentlich erfüllend sein. Aber nur dann, wen Sie selbstbestimmt arbeiten können und einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen. Stumpfe Arbeiten, sinnlose Meetings, chaotische Strukturen und ständige Unterbrechungen sorgen für Stress.

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Insbesondere die fortdauernden Unterbrechungen, provoziert vom Postulat der ständigen Erreichbarkeit, sind echte Stressfaktoren. Marco von Münchhausen weiß davon ein Lied zu singen – und zwar in: Konzentration – Wie wir lernen, wieder ganz bei der Sache zu sein. Wer in eine Sache ganz vertieft ist, darin aufgeht, spürt ein unglaubliches Wohlbefinden. Und dann – zack! – reißt ihn eine E-Mail, eine WhatsApp-Nachricht oder ein Anruf aus diesem Flow-Zustand. Das Gehirn schaltet sofort um, aber die Rückkehr zur alten Tätigkeit dauert im Durchschnitt eine halbe Stunde. Das Switchen ist Schwerstarbeit für unser Gehirn. Mit Ausnahme sehr weniger begabter Überflieger können menschliche Gehirne kein Multitasking. Tückischerweise sind wir süchtig nach Neuem, weil jeder neue Impuls mit Glückshormonen belohnt wird. Deswegen schauen wir gleich aufs Handy, wenn eine neue Nachricht eintrudelt.

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Der einzige Ausweg aus diesem Teufelskreis: Konzentration. Setzen Sie sich klare Ziele, die sie ohne Unterbrechungen verfolgen. Sorgen Sie für Ruhe, zum Beispiel mit neuartigen Kopfhörern, die mit Antischall arbeiten und damit Lärm aus der Umgebung wegfiltern. Software wie SelfControl blockiert am heimischen Computer für einige Zeit alle Ablenkungen, auch den Zugriff auf E-Mails. Noch besser: einfach mal den Stecker ziehen und durchatmen. Dann lohnt sich ein Blick ins Buch Achtsamkeit ganz praktisch, um zwischendurch runterzukommen und das ständige Gedankenkarussell zu stoppen. Ommm!

Christian Mascheck

Christian Mascheck schreibt seit 2000 für getAbstract und hat annähernd 300 Wirtschafts- und 200 Klassiker-Abstracts verfasst. Er arbeitet als freier Journalist, PR-Berater und Content-Marketing-Spezialist in Hamburg.

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