Neugierig bleiben

Eclipsed by the American spirit

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„Hier bin ich arm. Bevor ich in die USA kam, war ich reich.“ Diese Worte stammen von einem jungen Franzosen, der am Treppenaufgang zum Aussichtspunkt des Grand Canyon im Yellowstone-Nationalpark sitzt. Vor ihm ausgebreitet liegt eine große Weltkarte, die den Verlauf seiner dreijährigen Reise nachzeichnet: Glaubt man den bunten Markierungen, dann hat er die ganze Welt umrundet, um Friedensbotschaften zu sammeln. Am Ende der Reise, so verspricht er auf einem Schild, wird er sie in Paris als Buch veröffentlichen. Finanziert hat er sich das Projekt mit dem Verkauf von selbst gemachtem Schmuck. In Südamerika lief das so gut, dass er sich sogar einen Abstecher zu den Osterinseln leisten konnte.

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Erst im Land of the Free kam die Ernüchterung: „Ständig kommen Polizisten und vertreiben mich. Und die Leute kaufen nichts.“ „Ja, niemand in diesem Land hat wirklich Geld“, sagt ein junger Inder. Lautes Gelächter. Ein harmloser Witz? Oder bittere Ironie?

Weniger als 500 Dollar für Notfälle

Wenn Ende August die mächtigsten Zentralbanker der Welt zu ihrem jährlichen Treffen im exklusiven Resort Jackson Hole unweit von Yellowstone zusammenkommen, dann werden sie sich möglicherweise auch mit diesem Thema beschäftigen:Amerikanische Privatpersonen haben im Juni einen bedenklichen Meilenstein erreicht – ihre Kredit kartenschulden übertrafen den Rekord aus dem Krisenjahr 2008.

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Experten warnen schon seit Langem vor bedrohlichen Blasen auf den Märkten für Auto- und Studentenkredite. Sechs von zehn Amerikanern haben nicht genügend Reserven, um 500 Dollar für einen medizinischen Notfall oder eine Autoreparatur aufzubringen. Sie sind buchstäblich einen Gehaltscheck von der Straße entfernt. Und in der Stadt Jackson – nur wenige Kilometer vom Konferenzort entfernt – leben zur Hauptsaison 15 bis 20 Prozent der Arbeitskräfte in ihren Autos. Wohnungs- und Mietpreise in einer der reichsten Enklaven des Landes sind so hoch, dass selbst gut verdienende Ärzte ins Umland ziehen. Mitten im spärlich besiedelten Wyoming nehmen sie Anfahrtswege von einer Stunde in Kauf.

Geschichte reimt sich

Was hat das alles mit dem Bankertreffen zu tun? Ziemlich viel, wie Mohamed A. El-Arian in Aufstieg und Fall der Zentralbanken ausführt: Zentralbanker haben sich im Nachgang der Finanzkrise zu den mächtigsten Wirtschaftslenkern der Welt gemausert. Der Autor glaubt, dass sie derzeit als Einzige bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, – und appelliert an die Politik, endlich wieder das Steuer zu übernehmen. In Wie funktionieren Zentralbanken fordert Nils Herger, dass die Damen und Herren des Geldes sich auf die Wahrung politischer Unabhängigkeit und Preisstabilität konzentrieren sollten, anstatt mehrere, sich widersprechende Ziele gleichzeitig zu verfolgen. Was aber ist die Rolle der Zentralbanken heute, in Zeiten politischer Führungslosigkeit, ideologischer Grabenkämpfe und zunehmender Ungleichheit, vor allem in den USA? In Fed – Die Bank Amerikas erzählt der Wirtschaftsjournalist Roger Lowenstein die Geschichte der mächtigsten Bank der Welt und belegt indirekt den berühmten Aphorismus: „History doesn’t rep eat itself, but it rhymes.“

You can’t eclipse the American spirit

Was uns zurück nach Jackson Hole bringt. In diesem Jahr scheint sich hier niemand für das Bankertreffen zu interessieren: Ganz Amerika befindet sich im Bann der Great American Eclipse am 21. August, der ersten totalen Sonnenfinsternis seit 99 Jahren, die sich in einem Band von der Pazifik- bis zur Atlantikküste erstreckt. Seit Tagen harren Besucher der Grand Teton und Yellowstone Nationalparks auf Parkplätzen aus und stehen stundenlang Schlange, um eine der letzten Wilderness-Camping-Erlaubnisse zu ergattern. Für ein Motelzimmer mit vernichtenden Online-Kritiken werden schlappe 1200 Dollar verlangt. „You can’t eclipse the American spirit“, kommentiert die New York Times. Die drängenden Fragen der Finanzjournalisten geraten da schnell in den Hintergrund: Wird EZB-Chef Mario Draghi die Notenpresse drosseln? Und was hat die FED-Vorsitzende Janet Yellen zum Thema Finanzstabilität zu sagen?

Für den französischen Globetrotter ist die Sonnenfinsternis jedenfalls die letzte Chance, seine klamme Reisekasse aufzubessern. Danach will er sich endgültig aus diesem armen, reichen Land verabschieden.

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