Uncategorized

Heute schon kreativ gewesen?

Nein? Dann aber dalli, suchen Sie Ihre persönliche Kreativ-Lounge auf, machen Sie einen Waldspaziergang, gehen Sie in Ihr Lieblingscafé, oder was auch immer. Denn eines steht fest: In der Arbeits- und Lebenswelt der Gegenwart kann man nicht nicht kreativ sein. Früher wurden nur Künstler, Literaten und Musiker ab und zu von der kreativen Muse geküsst. Heute wird selbst von einem gewöhnlichen Zahlenschieber verlangt, dass er die Techniken der kreativen Buchführung beherrscht.

Read it on getAbstract

In der Nase bohrende Missetäter

Aber Kreativität hat auch ihre Tücken, wie Alf Rehn in Gefährliche Ideen erklärt: „Wahre Kreativität ist gefährlich, bedrohlich und provokativ.“ Sie ist ein „ungepflegter Missetäter, der in der Nase bohrt und seine dreckigen Schuhe auf dem Tisch ablegt.“ Vermutlich würde Rehn dem kreativen Buchführer eine subtilere Strategie nahelegen, doch allen anderen Kreativlingen rät er: Vergessen Sie die harmlosen Spielchen in Wohlfühl-Kreativseminaren. Brechen Sie mit alten Gewohnheiten, sprengen Sie Denkschranken, setzen Sie sich selbst und andere unter Druck, fordern Sie Widerspruch und Kritik heraus und werden Sie zum Ketzer!

Read it on getAbstract

Kreative Ketzer

In Wie man ein Pferd fliegt erzählt Kevin Ashton die traurigen Geschichten von Medizinern, die genau das taten und für ihr Ketzertum einen hohen Preis bezahlten: Der Wiener Ignaz Semmelweis etwa, der Mitte des 19. Jahrhunderts erkannte, dass die Geburtensterblichkeit abnahm, wenn Ärzte sich vor der Geburtshilfe die Hände wuschen. Seine Kollegen fanden das schlicht lächerlich und schlugen zurück. Semmelweis starb in einer Irrenanstalt, noch bevor er durch die Entdeckungen Louis Pasteurs rehabilitiert wurde.

Read it on getAbstract

Ommm

Das ist ja alles schön und gut, mögen Sie denken. Doch nicht jeder ist zum Märtyrer für seine Ideen geboren, und es soll auch Leute geben, die ihrem Arbeitgeber lieber nicht die dreckigen Schuhe auf den Tisch legen oder der besten Freundin zum Geburtstag eher ein Buch als Selbstgebasteltes schenken. Gibt es denn im kreativen Kapitalismus kein Recht auf Faulheit? Mihaly Csikszentmihalyi, der Schöpfer der Flow-Theorie, schraubt in Flow und Kreativität die Drehzahl etwas herunter. Er hat sich die Biografien berühmter Künstler und Wissenschaftler angeschaut, um daraus Lehren über Kreativität als Lebenskonzept zu ziehen. Dabei entdeckte er, dass der einzige Unterschied zwischen Kreativen und Normalsterblichen wohl in der Fähigkeit besteht, „sich fast jeder Situation anzupassen und sich mit dem zu behelfen, was gerade zur Verfügung steht.“

Wundern kommt von Wunder

Wer einmal Kinder dabei beobachtet hat, wie sie unstrukturierte Zeit totschlagen – ohne Zugang zu elektronischen Geräten oder Erwachsenen, bei denen sie ihren Frust abladen können –, der weiß, was Csikszentmihalyi damit meint. Es geht gar nicht darum, kreative Höchstleistungen zu vollbringen. Vielmehr sollten wir unser kindliches Erstaunen an der Welt wiederentdecken. So verstanden klingt die Eingangsfrage weniger dringlich als gedacht. Vielleicht sollte man sie umformulieren in: Haben Sie heute schon ein Wunder gesehen?

%d Bloggern gefällt das: