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10 Minuten mit Christian Tembrink

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Sie finden, dass YouTube in erster Linie eine Spielwiese für infantile Influencer oder bestenfalls ein unterhaltsamer Zeitvertreib für die U-Bahn ist – aber alles andere als ein wichtiger Werbekanal? Dann ist es höchste Zeit, das noch einmal zu überdenken, meint Christian Tembrink von der Online-Marketingagentur Netspirits. getAbs tract hat zwischen Vorträgen, Workshops, Konferenzen und dem ganz normalen Agenturwahnsinn mit ihm gesprochen.

Herr Tembrink, Sie sagen: YouTube revolutioniert den Bewegtbildmarkt. Wann haben Sie zum ersten Mal geahnt, dass es so kommen wird?

Das war im Jahr 2010. Da stellte ich plötzlich fest, dass Google in seinen Suchlisten immer häufiger YouTube-Videos platziert. Wir sorgen ja mithilfe von Suchmaschinenmarketing dafür, dass unsere Kunden im Netz auffindbar und erlebbar werden, und deshalb sahen wir hier die Chance, mit weniger Aufwand mehr zu erreichen. Zuerst haben wir selbst ein paar Eigenwerbevideos gedreht, nach dem Motto „Sei selbst dein bester Proband.“ Und die Resonanz war enorm. Wir werden heute noch auf unseren ersten professionellen YouTube-Film von vor sechs Jahren angesprochen. Die Geschichte, die wir darin erzählen, beginnt mit den Worten: „Es gibt mehr Webseiten als Menschen auf der Erde. Wir sorgen dafür, dass Ihre gefunden wird.“

Was raten Sie Privatpersonen oder Unternehmenen, die einen eigenen YouTube-Kanal einrichten möchten?

Zuallererst sollten Sie sich über Ihre Zielgruppe schlau machen: Was beschäftigt die Menschen, nach welchen Lösungen suchen sie? Dazu bieten Sie nützliche Informationen und fragen sich gleichzeitig, wie Sie emotional wahrgenommen werden möchten. Denn das ist der Klebstoff für Ihre Beziehung zum Kunden. Stichwort Authentizität: Auf perfekte Beleuchtung oder professionellen Schnitt kommt es gar nicht an. In den USA gibt es beispielsweise einen Hersteller von Küchenmixern, dessen Gründer seit Jahren einfach alles Mögliche – von Filzstiften über iPads bis hin zu Halloween-Skeletten – in den Mixer wirft und fragt: „Will it ble nd?“ Ein ebenso einfaches wie geniales Konzept. Der Mann ist zur YouTube-Sensation geworden und hat damit seine Verkaufszahlen enorm steigern können.

In der Tween- und Teen-Zielgruppe gibt es aber auch viele sogenannte YouTube-Stars, die nichts anderes tun, als Produkte in die Kamera zu halten. Wenn das ein Massenpublikum begeistert – warum dann aufwändiges YouTube-Marketing betreiben?

Natürlich, so kann man vorgehen: Ich mach mir die Reichweite eines angesagten Influencers zunutze und fertig. Aber das ist auch riskant, denn Sie geben damit einen Großteil der Kontrolle ab. Außerdem wollen die Erfolgreichen in der Branche mittlerweile richtig Geld dafür. Wir raten den meisten, lieber selbst zu einer starken Autorität für ein Thema zu werden und nutzerzentrierten Content anzubieten. Ein tolles Beispiel hierfür ist ein Schreiner und Fußbodenleger, den ich vor vier Jahren kennenlernen durfte. Er erzählte mir, dass Familienmitglieder und Bekannte ihn ständig um Rat zum Thema Bodenbeläge gefragt hätten, bis er begann, kurze Filme für sie zu drehen – und diese irgendwann auf YouTube hochlud. Heute vertreibt er über seinen Kanal die verschiedensten Fußbodenbeläge und macht Millionenumsätze.

Bodenbeläge sind vielleicht nicht sexy, aber für jeden Heimwerker und Häuslebauer relevant. Wie aber würden Sie eine überzeugende YouTube-Geschichte über einen Nasenhaartrimmer aufbauen?

Das Beispiel ist gar nicht so abwegig. Und Nasenhaare sind schließlich ein Problem, das gelöst werden will! Der Vorteil des YouTube-Marketings liegt darin, dass Sie Ihre Kunden gezielt abfangen können, wenn diese ihre Suchanfrage bei Google eingeben. So behelligen Sie niemanden mit haarigen Details zum Thema, den diese nicht brennend interessieren.

Stichwort Zielgruppe: Neben dem Aufbau eines eigenen Kanals können Unternehmen auch Werbung auf YouTube schalten. Wo liegt hier der Vorteil verglichen mit anderen Werbeformen?

Angenommen, ein potenzieller Kunde hat Ihren Webshop besucht, aber nichts gekauft. Dann können Sie ihn mit Bewegtbildern erreichen und an Sie erinnern. Oder aber Sie sprechen Erstkunden an, indem Sie die Clips genau dort platzieren, wo sich Ihre Zielgruppe aufhält. Sie bezahlen nur dann Geld, wenn Nutzer die Werbung auch anschauen. Dabei sollten Sie galant vorgehen und nicht sagen: „Kauf jetzt!“ Sondern: „Wussten Sie schon, dass unser Produkt oder Service folgenden Vorteil bietet?“ Grundsätzlich ist das Format Bewegtbild für die Übermittlung der meisten Werbebotschaften besser geeignet als Text. Man kann damit viel dichter und emotionaler kommunizieren. Das liegt unter anderem an den Spiegelneuronen. Sie kennen das: Wenn Sie jemanden gähnen sehen, müssen Sie selbst gähnen. Ein Video können Sie im wahrsten Sinne spüren und nacherleben.

Die potenziellen Werbekanäle haben sich vervielfacht – die verfügbaren Einkommen der Menschen und Werbeetats der Unternehmen aber nicht. Wann wird der letzte TV-Spot über die Bildschirme flimmern?

Ich glaube, es kommt andersherum: Das Netz verlagert sich in den Fernseher und die klassischen Fernsehprogramme wandern ins Netz. In den neuesten Smart-TVs ist etwa YouTube auf der Fernbedienung nur einen Knopfdruck von ZDF, ARD, RTL etc. entfernt. Und die jüngeren Zielgruppen konsumieren die Angebote der klassischen Fernsehsender längst als Live-Streaming im Netz. Die Formate schließen einander nicht aus, sondern werden einfach miteinander verschmelzen.

Über Christian Tembrink und Marius Szoltysek

Christian Tembrink ist Spezialist für die Konzeption von Online-Marketingkampagnen. Gemeinsam mit Marius Szoltysek hat er 2007 die Kölner Online-Marketingagentur Netspirits gegründet.

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